Trägerwerk soziale Dienste

Augen auf, Mund auf!

von Franziska Dähn, Sächsische Zeitung

Knapp 1.700 Verdachtsfälle auf Gefährdung von Kindern wurden dem Jugendamt gemeldet. 15 Prozent mehr als im Vorjahr. Eltern sind zunehmend überfordert.

Es gibt Streit. Ein Paar geht aufeinander los, er sogar mit einem Messer. Nachbarn rufen die Polizei. Die Beamten finden inmitten des Chaos aus Schreien, Schlägen und Angst – ein Kind. Der dreijährige David* kommt für das Wochenende zu seinen Großeltern, doch Sylvia Malik wird informiert. Sie arbeitet beim Sozialen Dienst des Jugendamtes. Anrufe wie diesen bekommt sie jeden Tag: Verdacht auf Kindswohlgefährdung heißt das im Beamtendeutsch.

 Foto: Sven Ellger

Sylvia Malik ist Sozialpädagogin im Stadtteilsozialdienst Pieschen. Sie entscheidet oft darüber, ob Kinder aus Familien genommen werden müssen oder nicht. Doch dies sei erst die letzte Lösung, wenn Eltern überfordert sind oder Probleme haben, sagt sie.

1.666-mal wurden Sylvia Malik und ihre Kollegen im vergangenen Jahr informiert, dass ein Kind sich in Gefahr befinden könnte. 2010 waren es 1428 Anrufe, zwei Jahre zuvor knapp 1000. Über die Hälfte der Meldungen betrifft Kinder, die wie David unter sechs Jahre alt sind. Nicht immer ist die Polizei der Tippgeber. Meist gibt es einen anonymen Anruf, manchmal melden sich auch Schulen, Kinderärzte, Familienangehörige, selten die Betroffenen selbst. "Wenn die Eltern mit Freunden kommen, weil diese merken, dass Hilfe gebraucht wird – dann ist das für uns der beste Zugang", sagt Malik. David ist schon wieder zu Hause, als Sylvia Malik mit ihrer Kollegin bei dem Paar auftaucht. Zwar hat der Vater noch Wohnungsverbot, aber Davids Mutter ist völlig verängstigt, sie weint und "schien regelrecht dankbar, dass jemand kommt", sagt Malik.

Die 30-jährige Mutter erzählt von regelmäßigen Schlägen, dass ihr Freund ihr die EC-Karte weggenommen habe. Die Sozialpädagogen sehen auch: Die Zimmer sind vermüllt, überall liegen Flaschen, dreckige Wäsche herum. In der Kita war David seit drei Monaten nicht, er spielt allein vor sich hin. Was aber ist nun die beste Lösung für den Kleinen? "Eine Inobhutnahme ist der letzte Schritt", sagt Malik. "Kann sie in ein Frauenhaus, der Kleine bei den Großeltern, bei Freunden bleiben?"

500 Kinder aus Familien geholt

Davids Mutter schämt sich, will nicht, dass jemand etwas erfährt. Die Oma muss den kranken Großvater pflegen, auch dorthin kann David nicht noch einmal. Doch seiner eigenen Mutter fehlt die Kraft – sich vom prügelnden Freund zu trennen, überhaupt etwas zu unternehmen. David kommt zum Kinder- und Jugendnotdienst. Sylvia Malik trifft diese Entscheidung nicht leichtfertig. "Eltern sind ja meist ihre besten Experten." Aber sie ist auch selbst Mutter. "Hab ich genug getan?" frage sie sich oft, wenn sie die Tür zu den Wohnungen hinter sich geschlossen hat.

495 Kinder hat das Jugendamt in den letzten Jahren aus Familien genommen. Weil sie misshandelt oder vernachlässigt werden, weil Drogen im Spiel sind, wegen psychischer Probleme der Eltern. Auch diese Zahl steigt: 495 waren es 2010, 2009 nur 390. Sie kommen meist zu Pflegeeltern, für immer oder nur eine gewisse Zeit. Jugendamtschef Claus Lippmann nennt zwei Gründe für den Zuwachs: Die Öffentlichkeit sei zunehmend sensibilisiert. Zum anderen seien unter den Verdachtsfällen besonders viele Kinder unter sechs Jahren. "Ein Indiz dafür, dass auch die Überforderung der Eltern zunimmt", sagt Lippmann. "Je früher und besser man Überforderungssitutionen in Familien mit Hilfsangeboten entschärfen kann, desto unwahrscheinlicher wird es, dass ein Kind in Obhut genommen werden muss. Hilfsangebote für Kinder und Eltern müssen bekannt sein", sagt er. Mit einer Plakatkampagne will die Stadt hier noch nachhelfen, sie weist auf eine neue Internetplattform zum Kinderschutz hin.

Dem kleinen David hat Sylvia Maliks Einsatz geholfen. Seine Mutter hatte Zeit für Trennung und Therapie – nun wohnt David wieder bei ihr. "Manche Fälle erscheinen zunächst so ausweglos. Und dann staunt man, was die Betroffenen für Kräfte entwickeln", sagt Malik. Sie wünscht sich mehr davon.

 *Name geändert

 

 

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